Steinhart – Oettingen

Da ich nach leichten Problemen am Vortag nicht weiß, wie sich das Wandern mit meinem (hoffentlich nicht beginnenden) Heuschnupfen verträgt, planen wir zunächst eine kurze Strecke nach Oettingen mit der Option zu verlängern. Vom Ortsrand Steinhart machen wir einen kurzen Abstecher in den Ort zu einem schönen Maibaum, werden dann an eine Quelle von einem freilaufenden großen Hund aufgehalten, da wir warten, bis ihn sein Herrchen unter Kontrolle hat. Anschließend steigen wir hoch zur Burgruine, wundern uns über zwei Bäume, die aus einem Felsen herauszuwachsen scheinen und nach einem kurzen Blick auf den jüdischen Friedhof gehen wir wieder hinunter zu den ersten Häusern, umrunden Steinhart und gehen zunächst zwischen Feldern weiter. In einem kurzen Waldstück beginnen die ersten Maiglöckchen zaghaft zu blühen. Mit Blick auf das im Dunst nur schemenhaft zu erkennende Oettingen rasten wir kurz, ehe wir wieder durch Felder bis zum Städtchen gehen, wo heute Markttag ist.

Das mittelalterliche Residenzstädtchen Oettingen liegt im nördlichen Ries, einem nahezu kreisrunden, mit einem Durchmesser von ca. 25 km in den schwäbischen Jura eingesenkten, etwa 80 bis 100 m tiefen Kessel. Das Ries entstand vor ca. 15 Mio. Jahren, als hier ein mächtiger Steinmeteorit einschlug und tief in die Erdkruste eindrang. Nicht zuletzt wegen seiner hervorragenden Ackerböden gehört das Ries zu den am längsten besiedelten Landschaften Deutschlands, so sind alle Epochen von der Altsteinzeit bis zu den Kelten, Römern und Alamannen durch entsprechende Funde belegt.

Der historische Kern des Städtchens, das bis 1806 Mittelpunkt des gleichnamigen Fürstentums war, ist zum größten Teil noch von dem staufischen Mauerring umgeben und hat seinen eigenen reizvollen Charme. Eine Besonderheit bietet der Marktplatz. An der Westseite stehen Fachwerkhäuser, an der Westseite Barockfassaden. Die evangelische Pfarrkirche St.-Jakobskirche wurde 1312-26 erbaut und vor 150 Jahren barockisiert. In dem Turm wohnte bis in die 30-iger Jahre des letzten Jahrhunderts noch ein Türmer. Der Chor der St.-Jakobskirche verrät zwar noch seinen gotischen Ursprung, präsentiert sich aber in der barocken Ausschmückung von 1681, die er unter Albrecht Ernst I. erfahren hat. Das überragende Meisterwerk ist der die Kanzel tragende Engel aus derselben Epoche. Trotz der weiten Öffnung durch den Triumphbogen wirkt der Chor als ein eigener Raum. Hier spürt man durch die barocke Stuckierung Schmuzers hindurch noch den Atem der Gotik. Dies bewirken die polygonal gebrochene Abschlusswand, die hohen gotischen Fenster mit Maßwerk und das unter dem Stuck wahrnehmbare Kreuzrippengewölbe. Am stärksten zieht die Kreuzigungsgruppe des Hochaltars unsere Blicke auf sich. Die drei Figuren sind der Rest eines Hochaltars, der in die Zeit um 1500 datiert wird. Das Taufbecken, von Adam gehalten, mit der Taufe Jesu stammt aus der Zeit vor 1400.

Die Oettinger zählen zu den ältesten, heute noch bestehenden Adelsgeschlechtern in Bayern, ihre beiden noch existierenden „Häuser“ haben ihre Stammsitze in der Stadt Oettingen (Oettingen-Spielberg) bzw. im Marktflecken Wallerstein (Oettingen-Wallerstein). Das fürstliche Residenzschloss wurde 1679-1687 für die Linie Oettingen-Spielberg von dem württembergischen Baumeister Weiß erbaut. Obwohl die Fassade in der Zeit des hohen Barock entstanden ist, enthält sie Elemente der italienischen Renaissance. Im Innern kann man die mit Stuckaturen des Wessobrunner Meisters Matthias Schmuzer versehenen Prunkräume bewundern. Im Schlosshof beeindruckt die herrliche Mariensäule von 1723.

Die heutige katholische Pfarrkirche St. Sebastian hat ihren Ursprung in einem Blutwunder, das sich am Sebastianstag, also dem 20.01, 1467 an dieser Stelle ereignet haben soll. Graf Ulrich ließ eine Kapelle erbauen, die bald zu einer Kirche vergrößert wurde und zeitweilig Ziel vieler Wallfahrten war. Sebastian gilt als Schutzheiliger gegen die Pest und ist der Schutzpatron des Rieses. Bis heute bringen die Wemdinger aufgrund eines Gelübdes aus dem Jahr 1647 in einer großen Prozession alle 20 Jahre eine Pestkerze nach Oettingen, zuletzt war dies 1992 der Fall. Sie ist neben dem Pestbild von 1490 rechts vom Chor zu sehen.

Ingrid besichtigt ausführlich die beiden Kirchen, macht mit beiden Kameras einige Bilder, während ich mit Della draußen warte und anschließen einen eher kurzen Blick ins Kircheninnere werfe. Dann schauen wir uns das Schloss von allen Seiten an und stürzen uns dann ins Marktgetümmel und versuchen vergebens auf dem etwas abseits liegenden Flohmarkt fündig zu werden. Obwohl mein Heuschnupfen noch stillhält, beenden wir vorsichtshalber unsere heutige Wanderung.

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